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Fremde Welten in 3D - Projekt zu Stereofotografie startet am montan.dok

news2017-01-31
Foto: Helena Grebe

In einem Forschungsprojekt, gefördert mit Mitteln des BMBF, beschäftigen sich Wissenschaftler des montan.dok mit der Digitalisierung von Stereofotografien als Instrumenten visueller Vermittlung von Industrie und Technik. Wir haben mit den Projektbeteiligten gesprochen – über Inhalte und Möglichkeiten des Projekts im Speziellen und die Herausforderungen der Digitalisierung für Museen und Archive im Besonderen.

Können Sie erklären, wie das Projekt zu Ihnen gekommen ist und warum Sie glauben, dass es am Montanhistorischen Dokumentationszentrum (montan.dok) besonders gut aufgehoben ist?

Dr. Stefan Przigoda: Der Ausgangspunkt für unseren Projektantrag war, dass wir bei uns im montan.dok sehr viele Stereofotografien zum Schwerpunkt Bergbau haben – schätzungsweise ca. 3500 – die bislang nur sehr ungenügend erschlossen und erfasst worden sind. Das heißt damit auch, dass sie nicht für Nutzer und Forschung zur Verfügung stehen. Wir gehen davon aus, dass auch in anderen Einrichtungen solche Aufnahmen vorhanden sind, wie zum Beispiel den großen Technischen Museen in München, Wien oder Stockholm. Aber auch dort konnte man noch nie richtig mit Stereofotografien forschend arbeiten, weil ihre Bedeutung für Museen und Gedächtniseinrichtungen noch nicht grundlegend erforscht wurden.
Also schien es uns sinnvoll, sich auf das Projekt zu bewerben, in dessen Rahmen wir nun innerhalb von neun Monaten ein detailliertes Konzept erarbeiten, wie solche Stereofotografien angemessen erschlossen, digitalisiert und bevorzugt online verfügbar gemacht werden können. Es bietet uns die Möglichkeit, unsere eigenen Bestände zu sichten und zu analysieren, aber auch die thematische Vernetzung zu suchen. Beides dient einer fortwährenden Verbesserung der Forschungsinfrastruktur.

Fremde Welten – Erstellung eines Digitalisierungskonzeptes
Ziel des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Vorhabens ist, ein Feinkonzept zu erarbeiten, das sich der modellhaften Tiefenerschließung, Digitalisierung und Online-Stellung von Stereofotografien widmet und an aktuellen Forschungsfragen orientiert. Das DBM bewahrt in seinen Beständen des montan.dok die wohl umfangreichste Überlieferung von Stereofotografien zum Bergbau in Deutschland. Diese sind bislang für die Forschung nicht verfügbar, wenngleich dezidierte Forschungsinteressen in verschiedenen Fachgebieten (z. B. Mediengeschichte, Medientechnik, Unternehmensgeschichte) bestehen. Im Rahmen der Konzepterstellung wird eine Methode entwickelt, dieses Desiderat zu beheben und gleichzeitig eine Basis dafür zu schaffen, das DBM/montan.dok im Hinblick auf die spezifische Quellengattung zum nationalen Ansprechpartner und internationalen Verbundpartner zu entwickeln.

Aufbauend auf den Ergebnissen des Feinkonzepts soll dann ein Förderantrag eingereicht werden, um die konzeptionierten Maßnahmen durchzuführen und somit den Bestand der spezifischen Quellengattung Stereofotografien für die Forschung verfügbar zu machen.

Digitalisierung ist ja gerade das Stichwort, wenn wir über Kultur, Museen, historische Quellen reden. Warum ist es auch für das montan.dok mit seinen Beständen so wichtig, digital präsent zu sein und das über die Grenzen einer konkreten Nutzeranfrage hier in Bochum hinaus?

Dr. Michael Farrenkopf: Der Gedanke der Digitalisierung von Kulturgut an und für sich ist nicht so neu, wie die aktuelle Diskussion es scheinen lässt. Bibliotheken stellen eine textliche Digitalisierung seit etwa 20 Jahren zur Verfügung, Archive haben diesen Prozess erst etwas später gestartet. Das ist aber angesichts der Komplexität des zu digitalisierenden Guts auch verständlich. Ein Buch in einen Katalog zu überführen ist um ein vielfaches einfacherer, als komplexe Provenienz-Strukturen für den Nachweis von Archivalien im Netz abzubilden. Der museale Bereich hinkt noch etwas mehr hinterher.
Ich denke es ist heute unverzichtbar, dass Gedächtniseinrichtungen, die in irgendeiner Form Quellen sammeln und verwahren, diese auch online präsentieren. Das gilt für uns als Forschungsinfrastruktur umso mehr: Wir leben in einer digitalen Welt, insofern müssen auch Gedächtniseinrichtungen, wenn sie für die Forschung relevant sein wollen, ihre Bestände in irgendeiner Form digital anbieten, auch wenn dies heute natürlich nur in Ausschnitten möglich ist. Das zeigen solche europäischen und nationalen Initiativen wie die Europeana und die Deutsche Digitale Bibliothek, die Digitalisierung der Forschung unterstützen und weiter vorantreiben. Das montan.dok verfolgt schon seit einigen Jahren aktiv die Digitalisierung und digitale Bereitstellung seiner Bestände, so zum Beispiel in den beiden Verbundprojekten DigiPEER und DigiPortA der Leibniz-Archive.
Das BMBF-Projekt, das im Rahmen des so genannten eHeritage-Programms läuft, schließt an diese Aktivitäten an und bietet uns eine gute Möglichkeit, uns und unsere Bestände in dieser digitalisierten Welt zu platzieren.

Wird die digitale Forschung irgendwann die physische ersetzen?

Farrenkopf: Aus meiner Sicht natürlich nicht. Ich bin in der Hinsicht ein klassischer Historiker, der in seiner Arbeit aus reiner Nutzerperspektive sehr von analoger wie digitaler Bereitstellung von Daten profitiert. Bücher als Quellen könnten in Zukunft tatsächlich komplett über eine digitale Bereitstellung als Forschungsbasis dienen. Aber eine Originalquelle, wie z. B. Baupläne? Ich bezweifle, dass sich alle besonderen Merkmale einer physischen Quelle digital komplett ersetzen lassen. Da geht es am Ende auch um bestimmte Fragen des Haptischen, die eine Quelle hat.
Ob diese immer forschungsrelevant sind, ist eine andere Frage. Aber es geht am Ende ja auch immer um die viel beschworene auratische Qualität des Objekts, um an dieser Stelle Walter Benjamin zu folgen. Und ich bin davon überzeugt, dass diese sich nicht komplett ersetzen lässt.

Also wird es im montan.dok weiterhin rund 6,5 Regal-Kilometern Akten im Bergbau-Archiv sowie knapp 2,5 km in Bibliothek und Fotothek geben?

Farrenkopf: Ich glaube, beim dinglichen Bereich wird es so sein, dass wir weiter das Original brauchen. Ich sage damit aber nicht, dass sich das Verhältnis von physischem Original und digitalem Nachweis von Dingen in der Bewahrung nicht doch noch weiter verändern wird. Das ist geradezu unvermeidlich. Es geht uns ja heutzutage schon so, dass wir als Archivare in der Bewertung von Quellen und deren Bewahrungswert hinsichtlich des sogenannten Evidenzwertes anders entscheiden, als vielleicht noch vor zehn oder zwanzig Jahren.
Hier sehe ich Digitalisierung und reale dingliche Bewahrung sogar eher als Ergänzung, denn als entweder, oder. Wenn wir zukünftig entscheiden, dass bestimmte Quellen so gut dokumentiert sind, dass die exemplarische Aufbewahrung reicht, man aber den gesamten Bestand in digitaler Form bewahren und noch dazu ohne örtliche Bindung zugänglich machen kann, dann ist das eine große Chance.

Przigoda: Ich glaube, man sollte vermeiden, digitalisierte Quellen und Originale als Gegensatz zu sehen, sondern eher als Ergänzung. Je nach Fragestellung bieten digitalisierte Quellen andere, neue Auswertungsmöglichkeiten. Aber je nach Fragestellung wird es oft unverzichtbar bleiben, an das Original zu gehen. Auch wenn in den letzten drei bis vier Jahren die digitale Entwicklung noch mal extrem an Tempo aufgenommen hat – ihr ist eine ganz normale quantitative Grenze gesetzt: Bei den Mengen an Akten, die in deutschen Archiven insgesamt lagern oder auch nur bei uns als einem mittelgroßen Wirtschaftsarchiv, glaube ich nicht, dass wir innerhalb der nächsten zehn oder zwanzig Jahre alle Bestände in Gänze digitalisieren und zur Verfügung stellen können. Insofern wird es noch auf absehbare Zeit so sein, dass verschiedene Informationen über Akten digital verfügbar sind, aber man eben dann, wenn man die Akte selbst sehen will, tatsächlich ins Archiv reisen muss.

Farrenkopf: In unserem Projekt „Fremde Welten in 3D“ geht es um eine besondere Form der Überlieferung, die Fotografie. Die ist in der Digitalisierung natürlich ganz anderes zu behandeln, als beispielsweise eine Akte.
Ein Foto ist eine visuelle Repräsentanz. Gleichzeitig hat sich die moderne Fotogeschichte glücklicherweise davon getrennt, dass wir glauben, sie stelle ein Abbild der Realität dar. Ein Foto ist eine Form der Interpretation des Fotografen, in dem Moment, in dem er das Foto aufnimmt. Insofern heißt, Fotografie sachgerecht zu überliefern, immer auch sie zu kontextualisieren und damit zu entscheiden, wie viel Informationen man zum Foto zusätzlich nachweist, um es für spätere Generationen oder den späteren Betrachter handhabbar zu machen. Damit sind wir in der Digitalisierung für eine Forschungsinfrastruktur im Besonderen gefordert: Unser Auftrag ist es, etwas zu überliefern, um es in breiter Form zugänglich zu machen.
Bei der Digitalisierung von Fotografien gibt es ja mehrere Punkte zu berücksichtigen: Welche Form der bildlichen Darstellung wählt man, welche Kontextinformationen sind relevant, wie vermittelt man sie? Was können Suchparameter sein? Wie sind sie mit anderen Datenbanken vernetzt? In ähnlicher Form haben wir schon einmal an einem Digitalisierungsprojekt für Portraitaufnahmen im Rahmen von DigiPorta gearbeitet.
Wir erhoffen uns natürlich, dass unser Projekt am Beispiel des Digitalisierungskonzeptes für Stereofotografie darauf generelle Antworten findet.

Frau Niggemann, jetzt haben wir so viel über Fotografie gesprochen. Das Spannende an diesem Projekt ist ja nicht nur der Gewinn aus Forschungssicht, den wir uns erwarten – für unseren eigenen Bestand aber natürlich auch interinstitutionell. Ebenfalls spannend ist, dass Sie keine zwingende archivarische Grundausbildung haben, sondern dass Sie im Projekt als Fotografin mitarbeiten. Können Sie in wenigen Worten einmal kurz erzählen, was ist eigentlich Stereofotografie?

Sabine Niggemann: Stereofotografien sind zwei nebeneinander montierte Fotografien, zwei sogenannte Halbbilder, die auf den ersten Blick identisch aussehen. Schauen wir die beiden Halbbilder mit einem Linsenbetrachter an, setzt das Gehirn diese beiden Halbbilder zusammen, es entsteht ein dreidimensionales, räumliches Bild. Dieser 3D-Effekt ist die Besonderheit an stereofotografischen Bildern.
Das macht die Digitalisierung von Stereofotografien allerdings auch etwas komplizierter als die normaler Fotos. Es geht ja um eine besondere Art der Wiedergabe, damit der Betrachter auch in der digitalen Variante den Stereo-Effekt erleben kann, für den in Realität der Betrachter notwendig ist.
Es gibt für die Digitalisierung zwei vorrangig verwendete Wiedergabeverfahren: das ist einmal die normale Wiedergabe, also Reproduktion, wir sehen diese beiden Bilder getrennt voneinander und nehmen einen Betrachter vor unser Augen und dann schauen wir uns alles am Monitor an. Das funktioniert gut, ist aber natürlich etwas ganz anderes, als es im Original zu betrachten. Die zweite Möglichkeit ist das Anaglyphenverfahren. Hier werden die einzelnen Halbbilder in cyan und rot eingefärbt und übereinandergelegt. Schauen wir dann durch eine Cyan/Rot-Brille, entsteht der räumliche Seheindruck.
Im Rahmen unseres Digitalisierungskonzeptes gilt es auch herauszufinden, was die besten Wiedergabeverfahren sind und wie wir diese nutzen können.

Stereofotografie
Der Stereoskopie liegt das Prinzip unseres eigenen binokularen (zweiäugigen) Sehens zu Grunde. Dabei werden zwei in einem leicht unterschiedlichen Blickwinkel aufgenommene Fotografien nebeneinander montiert und mit Hilfe eines Linsenbetrachters optisch getrennt, so dass unser linkes Auge nur das linke Halbbild und unser rechtes Auge nur das rechte Halbbild sieht. Erst unser Gehirn setzt diese beiden Bilder zu einem dreidimensionalen Bild zusammen.

1849 entwickelte Sir David Brewster die erste binokulare Kamera und 1851 einen handlichen Stereobetrachter. Damit legte er den Grundstein für die Stereofotografie und löste eine regelrechte Stereomanie in den 1850er bis 1860er Jahren aus. Tausende Bildserien zu fremden Ländern, Städten und Landschaften dienten bis in die 1920er Jahre hinein der Unterhaltung und dank der von August Fuhrmann in Deutschland entwickelten Kaiser-Panoramen auch der Volksbildung und Berichterstattung. Nach 1920 wurde die Stereofotografie als populäres Betrachtungsmedium jedoch schnell von dem aufkommenden bewegten Bild, dem Film, verdrängt. Innerhalb des Bereiches Industrie- und Werksfotografie blieb die Bedeutung von Stereofotografie noch bis in die 1960er Jahre erhalten.

Text: Sabine Niggemann

Was ist das Besondere an Stereografien aus dem Bergbau bzw. bergbaunahen Themenwelten?

Niggemann: : Etwa ab den 1920er Jahren nahm hier die Bedeutung von Stereofotografie zu, vor allem aufgrund der Darstellbarkeit von Räumlichkeit, die man für wissenschaftliche Zwecke nutzen konnte. So wurde die Stereofotografie in der Industrie- und Werksfotografie anfangs vor allem für Schulungs- und Anschauungszwecke genutzt: Die Dreidimensionalität bot eine enorme Verbesserung in der Darstellung von Arbeitsumgebung und -umständen.
Ein Gefühl von Enge und Tiefe unter Tage, die Darstellbarkeit der Arbeit, geografische Begebenheiten, ein besonderer Streckenausbau – all das ließ sich mit der Stereofotografie quasi realitätsnah über Tage holen.

Gibt es wirklich im Bergbau überdurchschnittlich viel Stereofotografie?

Przigoda: Im Rahmen unseres Projekts möchten wir die These untersuchen, ob der Bergbau tatsächlich eine Branche war, in der besonders viele Stereofotografien entstanden sind, ob nicht vielleicht andere Sujets ähnlich stark vertreten sind.
Es gibt meines Wissens bislang keinen Überblick, der eine quantifizierende Schätzung zulässt. Es gibt verschiedene Einzelprojekte, in denen einzelne Konvolute, Sammlungen an Stereofotografien genutzt und präsentiert worden sind, wie z. B. Stereofotografien aus dem Ersten Weltkrieg, Landschaftsbilder oder aber auch andere Industrien.
Ziel in dieser Projektphase wäre auch eine Evaluierung, welche Sammlungen es heute noch gibt, um daraus schließen zu können, wozu Stereofotografien seinerzeit vielleicht auch ganz bewusst verstärkt angefertigt worden sind. Daran geknüpft sind natürlich weitere Fragen: Haben die Besonderheiten des Mediums auch die Motivauswahl bestimmt? Gibt es bestimmte Motive, die überdurchschnittlich häufig fotografiert worden sind, eben weil man stereoskopisch fotografiert hat?

Eigentlich ist es doch auch hochgradig spannend, dass ein so emotionales Medium wie die Fotografie genutzt wird, um etwas sehr Sachliches beziehungsweise sehr Technisches darzustellen. Hat das damit zu tun, dass man etwas darstellt, was für die breite Masse der Menschen gar nicht sichtbar ist, weil es eben eine Arbeitswelt unter Tage ist, in der nur sehr wenige Menschen sind, und das man diese sozusagen erfahrbar machen will und wollte?

Niggemann: Ja, das Thema Vermittlung ist ein wichtiger Aspekt innerhalb des Sujets der Stereofotografie. Unterscheiden muss man aber, was der Anlass der Entstehung solcher Stereofotografien war: Hat man die Aufnahmen für ein Unternehmen gemacht, im Sinne klassischer Werksfotografie? Oder hat man sie für die Öffentlichkeit gemacht zum Beispiel auch aus Imagegründen?
Bei den Stereofotografien im Bergbau wurden Motive ausgewählt, die die Welt unter Tage vermitteln konnten. So sind auch die Stereopanoramen eingesetzt worden, die wir seit 1934 in unserem Besitz haben und die bei uns im Museum ausgestellt sind.

Farrenkopf: Die Stereofotografie setzt natürlich viel früher ein als 1920. Aber im Bergbau erlebt sie um diese Zeit eben eine Blütezeit. Im Rahmen unseres Projektes „Fremde Welten“ werden wir jetzt über das Beforschen einiger Bestände feststellen: ab wann setzt diese Blütezeit bei uns im Ruhrgebiet ein? Warum gibt es vorher keine Stereofotografie? Oder gab es sie, aber sie wurde nicht überliefert? Gab es dafür Gründe? Ab wann ist der Auftraggeber die WBK, ist sie es aus strategischen Gründen geworden oder per Zufall? Wurden die Stereofotografien für reine interne Vermittlungs- und Forschungszwecke angefertigt, und wenn nicht: wie viel und welche Öffentlichkeit wurde dabei mitgedacht? Und hatte die WBK vielleicht sogar schon eine museale Vermittlung im Sinn? Schließlich eine für uns als Forschungsinfrastruktur auch nicht unerhebliche Frage: Was heißt das für unsere Überlieferungen?

Hätten Sie eine Theorie? Wir sind in den 1920er/30er Jahren. Was heißt das von der technischen Seite her? Was muss man alles unter Tage transportieren um zu filmen, und was muss man alles untertage transportieren um zu fotografieren? Macht das einen Unterschied?

Niggemann: Das ist nicht so eindeutig zu beantworten. Die Aufnahmen von Stereofotografien waren nicht weniger aufwendig als filmische Aufnahmen. Was ich bei meinen ersten Recherchen schon herausfinden konnte ist, dass die meisten Aufnahmen zum Beispiel von Bergleuten bei der Arbeit gestellt wurden. Stereofotografien wurden in der Zeit vor allem auch genutzt, um die Entwicklung von händischer Arbeit hin zu technischem Fortschritt festzuhalten. Außerdem wurde unter Tage viel zusätzliches Licht benötigt, um zu lange Belichtungszeiten und Bewegungsunschärfe in den Bildern zu minimieren.
In den 1930er Jahren kommen wir natürlich auch stark in den Bereich der propagandistischen Fotografie des Nationalsozialismus. Man muss ganz genau hinschauen, warum dann diese Fotografien entstanden sind.

Also Stereofotografie als eine Form der Unternehmenskommunikation? Fotos, die uns nicht nur zeigen, was auf ihnen zu sehen ist, sondern auch, was zu sehen sein sollte?

Przigoda: Natürlich. Man muss die historische Verwendung der Stereofotografien auch in diesem größeren Kontext sehen. Klar ist: Bergwerke waren für die breite Öffentlichkeit nicht zugängliche Welten, fremde Welten. Daher auch unser Projekttitel. Was wiederum auch heißt: Die Branche als solche konnte in hohem Maße bestimmen, wie diese fremden Welten der breiten Öffentlichkeit vermitteltwerden sollten.

Farrenkopf:Das montan.dok ist im ganz klassischen Sinne auch Wirtschaftsarchiv. Wir bewahren Unternehmensgeschichte – mit dem Schwerpunkt Bergbau. Bei den Erforschungen von Quellen spielt die Herkunft, die Beauftragung, die Kontextualisierung eine große Rolle. Im Bereich der Fotografie natürlich auch. Sie war im Unterschied zu vielen anderen Quellen im montan.dok immer zweckgebunden – für das Unternehmen und für die Branche. Das Besondere an der Fotografie und der Stereofotografie im ganz Speziellen ist, dass wir nicht nur die Technik der Fotografie beleuchten, sondern die Rückbindung eines solchen technischen Mediums der Fotografie in einem kulturellen Zusammenhang deuten wollen – hier wird also wieder nach der Bedeutung und dem Wert des Mediums für die damalige Zeit gefragt. Als Technikhistoriker verstehen wir Technikgeschichte ja nicht mehr im alten Sinn des singulären technischen Fortschritts sondern als Begriff des technischen Wandels, der nicht allein technikimmanent sondern gesellschaftlich vorangetrieben wird. Die Erforschung bietet uns also im weitesten Sinne auch Rückschlüsse auf das Hier und Jetzt.

Das heißt also, mit der Erforschung der Stereofotografien würde sich für das montan.dok als Forschungsinfrastruktur ein weiterer Aspekt in der Vermittlung von Bergbaugeschichte ergeben?

Farrenkopf: Ja. Fotos sind häufig nur durch das Medium an und für sich überliefert. Uns fehlen die Begleitüberlieferungen. Das hat zum Teil damit zu tun, dass mit der Beauftragung, der Erstellung der Aufnahmen und der abschließenden Bezahlung der Job in einem abgesicherten wirtschaftlichen Verhältnis geschah und damit erledigt war. Eine nachträgliche Dokumentation über die Gründe der Beauftragung war für keine der beiden Seiten zwingend erforderlich und hätte womöglich zusätzliches Geld gekostet. Zudem hat erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine Neubewertung von Fotografien bzw. Werksfotografie in Wirtschaftsarchiven stattgefunden. Fotografien als Archivalien waren lange Zeit keine äquivalente Quelle zu dem, was man ansonsten in einem Branchenarchiv machte: Akten ordentlich zu überliefern und daraus Geschichte zu schreiben. Fotos, die nicht sofort durch eine Überlieferung kontextualisiert waren, wurden gar nicht erst für eine Archivierung in Betracht gezogen. Dieses Verständnis hatte damals auch Dr. Evelyn Kroker, die das Bergbau-Archiv Bochum aufgebaut hat. Aus ihrer damaligen Sicht war das verständlich, heute ist dadurch natürlich eine Lücke entstanden, die nun mit einem neuen Bewertungsverständnis von Fotografie als Archivgut erst einmal geschlossen werden muss. Eben auch mit einem Projekt wie „Fremde Welten“.
Dieses Projekt „Fremde Welten in 3D - Stereofotografien als Instrumente visueller Vermittlung von Industrie und Technik“ hat also einen sehr servicebezogenen Nutzen, der in der Digitalisierung und damit breiteren Zugänglichmachung unserer Bestände der Stereofotografie besteht. Der andere ist eine Perspektive für das DBM bzw. das montan.dok: Mithilfe des Projektes können hier ein Bestand erforscht und die dann gewonnenen Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

Was muss passieren, damit man sagt, dieses 3D-Projekt ist ein Erfolg?

Przigoda: Realistisch muss bis zum 31. August ein Feinkonzept vorliegen, in dem beschrieben ist, wie man am besten vorgeht, wenn man eine definierte Menge an Stereofotografien erfolgreich erschließen, digitalisieren und online stellen will. Wenn wir dieses Wissen auch noch mit weiteren nationalen und internationalen Gedächtniseinrichtungen teilen können, dann war das Projekt erfolgreich.
Aber dieses Gespräch zeigt ja schon, dass wir ganz viele und unglaublich interessante Forschungsfragen zu unseren Stereofotografien haben, die sich daran anschließen können und aus unserer Sicht natürlich auch sollen. Das zeigt einige Zukunftsperspektiven, die diesem Projekt innewohnen.

Farrenkopf:Ich habe natürlich große Hoffnung, dass es uns gelingt, mit Abschluss dieser ersten Fördermaßnahme in eine zweite längere Phase einzusteigen. Das ist schon unser klares Ziel. Es sichert aus Sicht der Forschungsinfrastruktur zum einen die praktische Umsetzung der Digitalisierung unserer und der Bestände anderer Gedächtniseinrichtungen. Zum anderen ermöglicht es uns als montan.dok, die oben aufgeworfenen Fragen der Forschung zu bearbeiten. Eine Kombination von praktischen Umsetzungsstrategien und inhaltlichen Kernforschungsfragen haben wir bei Projekten des montan.dok in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren immer verfolgt. Auch Historiker sind an Win-Win-Situationen interessiert.

Vereinfacht ausgedrückt geht das montan.dok auf einer relativ ausgebauten Straße einen vorgeschrieben Weg, scheut sich aber nicht, auch mal rechts und links des Wegs zu schauen, ob da nicht auch noch ausbaufähige Infrastruktur wäre?

Farrrenkopf: Dieses Projekt ist in gewisser Weise wieder eines, das exemplarisch belegt, was seit fünf Jahren Kernanforderung eines Forschungsmuseums der Leibniz-Gemeinschaft ist: Wir sind dazu aufgefordert, Forschung an den eigenen Beständen zu machen. Darin liegt, festgelegt durch das Eckpunktepapier des BMBF, vom Kern her unser Unterscheidungsmerkmal zu den Hochschulen und Universitäten. Der Auftrag an uns ist klar formuliert: Wir müssen uns als Forschungsmuseen mit unserer Forschung insofern legitimieren, als dass wir nachweisen, wie sie sich aus den nur in unseren Institutionen vorhandenen Sammlungen und Quellen speist. Während Sie sonst für den für Sie relevanten Quellen reisen müssen oder sie umständlich per Fernleihe bestellen, liegen unsere zu beforschenden Bestände im wahrsten Sinne vor der Tür.

Niggemann: Das ist genau der Aspekt, der die Forschungsarbeit in einem Forschungsmuseum wie dem DBM so besonders macht. Für meine Masterarbeit musste ich ziemlich viel recherchieren, konnte viel nur über das Internet einsehen oder besorgen, hatte mit Büchern meist nur Sekundärquellen zur Hand. Das ist jetzt im montan.dok anders. Hier kann ich alles in die Hand nehmen, muss bei einem Gedanken, den ich verifizieren oder falsifizieren will, nicht lange überlegen, sondern kann meist einfach ins Magazin gehen und direkt nachschauen. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht schon ziemlich einmalig und faszinierend.

Im Gespräch über das Projekt: Dr. Michael Farrenkopf, Leiter des montan.dok mit Dr. Stefan Przigoda, Leiter Bibliothek/Fotothek im montan.dok und Sabine Niggemann, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin des montan.dok im Projekt „Fremde Welten in 3D - Stereofotografien als Instrumente visueller Vermittlung von Industrie und Technik“. Das Gespräch führte Wiebke Büsch, Stabsstelle Presse- & Öffentlichkeitsarbeit.


Stand: 30.01.2017